f/stop Symposium

Vom Nachwirken der Bilder. Plenum zu politischen Debatten und Praxen visueller Teilhabe

Paula Bulling, Christian Gesellmann, Ayşe Güleç, Falk Haberkorn, Anne König, Susanne Kriemann, Eva Pluhařová-Grigienė, Elske Rosenfeld, Josa Mania-Schlegel, Ana Teixeira Pinto, UBERMORGEN, Eyal Weizman, Jan Wenzel, u.a.

23.6. und 24.6.2018, Spinnerei, Halle 14

 

Postdemokratische Krisen fordern neue Räume politischer Partizipation. Darin treffen zersplitterte Positionen und Bewegungen aufeinander. Das Plenum – oder die parlamentarische Vollversammlung – verliert im politischen Geschehen heute zunehmend an Bedeutung. Vereinbarungen werden vermehrt hinter den Kulissen getroffen und Wahrheiten zur Stimmgewinnung gekrümmt.

 

Das Symposium zum 8. Festival für Fotografie f/stop Leipzig ist in drei Plena sowie mehreren Künstlergesprächen organisiert und schafft an zwei Tagen, dem 23. und 24. Juni 2018, einen Raum der öffentlichen Debatte. Es knüpft an die in den Ausstellungen formulierten Fragen zur „Zerrissenen Gesellschaft“ und zur Rolle der Fotografie in Vermittlungs- und Aushandlungsprozessen an. KünstlerInnen, AktivistInnen, SoziologInnen, JournalistInnen, VertreterInnen von Bürgerinitiativen u.a. kommen zusammen, um gemeinsam mit dem Publikum zu debattieren. Im Mittelpunkt stehen dabei politische Bildpraxen von der Arbeit mit Archiven bis hin zur digitalen Bildgenese und -distribution, die künstlerische Forschung mit Bilddokumenten als Medien der Wissensproduktion, Fotografie als kollektiver Erinnerungsmoment aber auch als Korrektiv sowie Strategien der visuellen und diskursiven Teilhabe.

Sa, 23. 6. 2018

Strategien fotografischen Handelns nach 1989

14:00 – 14:15 Begrüßung: Krisztina Hunya, Anne König, Jan Wenzel

14:15 – 16:15 Plenum in deutscher Sprache mit Falk Haberkorn, Eva Pluhařová-Grigienė (Moderation), Elske Rosenfeld, Andreas Rost

 

Die gesellschaftspolitischen Spannungen in Deutschland und anderen Ländern Mittel- und Osteuropas werfen Fragen nach der Rolle der Fotografie als Medium der öffentlichen Vermittlung auf. Das erste Plenum setzt sich ausgehend vom Themenschwerpunkt „1990 freilegen“ mit fotografischer Praxis als gesellschaftlich wirksames Handeln seit der Wende auseinander. Die unterschiedlichen Herangehensweisen von Falk Haberkorn, Elske Rosenfeld und Andreas Rost zeigen verschiedene Methoden auf, Zeitgeschehen öffentlich zu reflektieren und neu zu erzählen.

Künstlergespräch: Susanne Kriemann / Jan Wenzel

16:45 – 17:45, in deutscher Sprache

 

Wie können scheinbar unsichtbare, langwierige Prozesse, geologische Veränderungen sowie der allmähliche Wandel einer Region sichtbar gemacht werden? Seit mehreren Jahren erforscht, dokumentiert und befragt die Künstlerin Susanne Kriemann das Gebiet der ehemaligen Wismuth AG, dem von 1945 bis 1990 weltweit viertgrößten Produzenten von Uran in Sachsen und Thüringen. Während ihrer Feldforschung trifft sie nicht nur auf ehemalige MinenarbeiterInnen, sondern auch auf GeologInnen und BiologInnen der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, die eine mögliche Re-Naturalisierung des Areals untersuchen. Dabei entwickelt sie experimentelle Aufnahmestrategien, wie Heliogravüren mit Pigmenten aus Pflanzen, und sucht die radioaktive Strahlung von Objekten, Pflanzen, die umweltschädliche Stoffe konserviert haben, und Lebewesen sichtbar zu machen.

Künstlergespräch: Nicolas Giraud & Bertrand Stofleth / Krisztina Hunya & Sabine Weier

18:00 – 19:00, in englischer Sprache

 

Das Künstlergespräch nimmt das fotografisch-forschende Langzeitprojekt „La Vallée“ (2013 – 2018) von Nicolas Giraud und Bertrand Stofleth in den Blick. Es dokumentiert den Zerfall der ältesten Industrieregion Frankreichs, dem Gebiet zwischen Lyon und Saint-Étienne, und berührt verschiedene thematische Aspekte, etwa geografische, geschichtliche und ökonomische. In der Hauptausstellung des Festivals präsentieren Bertrand und Stofleth die Fotografien sowie Texte von AutorInnen verschiedener Disziplinen. Jeder Text nimmt eine bestimmte Perspektive in Bezug auf die Region ein und stellt den Bezug zu gegenwärtigen Fragen her.

So, 24. 6. 2018

Lecture: Eyal Weizman, Forensic Architecture

11:30 – 12:30, in englischer Sprache

 

Eyal Weizman ist Architekt und Direktor des Center for Research Architecture am Goldsmiths College der Universität London. Er ist Mitbegründer der unabhängigen, ebenfalls am Goldsmiths angesiedelten Forschungsgruppe Forensic Architecture. In der Hauptausstellung präsentieren Forensic Architecture die vom Tribunal NSU-Komplex auflösen, dem Haus Der Kulturen Der Welt (HKW) und der documenta14 beauftragte Arbeit „77sqm_9:26min“ zur Ermordung von Halit Yozgat durch den rechtsextremen NSU in Kassel im Jahr 2006 und zur Falschaussage des dabei anwesenden Andreas Temme.

Wissen produzieren. Über Partizipation, Empathie und Ignoranz

13:30 – 15:30, Plenum in deutscher Sprache mit Mareike Bernien, Paula Bulling, Christian Gesellmann, Ayşe Güleç, Anne König (Moderation), Josa Mania Schlegel

 

Über zehn Jahre lang blieben die Beweggründe hinter den rassistisch motivierten Morden des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) verborgen. Die TeilnehmerInnen des zweiten Plenums stellen Formen der Wissensproduktion gegen das Versagen von Behörden vor und diskutieren über kollektiven Zusammenhalt. Ayşe Güleç und Mareike Bernien präsentieren eine feministische und migrantisch situierte Perspektive auf die NSU-Morde. Sie untersuchen die komplexen Kontexte normativer Wissensproduktion und Repräsentation und suchen nach Strategien, ignorierte Positionen sichtbar zu machen. Daran knüpft die Neuproduktion von Paula Bulling und Anne König an: drei grafische Kurzgeschichten, die sich mit drei Akteurinnen beschäftigt, die direkt oder indirekt mit dem NSU zu tun hatten – als aktive Unterstützerin des NSU, als scheinbar blasse Verwaltungsbeamte und als Angehörige eines der Mordopfer. Christian Gesellmann und Josa Mania Schlegel blicken aus journalistischer Perspektive auf den Rechtsruck in der Gesellschaft, insbesondere in Sachsen.

Künstlerische Interventionen im Digitalen

16:00 – 18:00 Plenum in englischer und deutscher Sprache mit Daphne Dragona, lizvlx/UBERMORGEN, Ana Teixeira Pinto, Zenker

 

Die Gräben der „Zerrissenen Gesellschaft“ ziehen sich auch durchs Digitale und wirken von dort aus zurück auf das politische Geschehen. Ein Beispiel dafür ist die Rolle von Meme-Kampagnen in sozialen Netzwerken bei Wahlen. Politische Debatten und Meinungsbeeinflussung finden heute verstärkt im digitalen Raum statt, wo Troll-Truppen eskalierende Gefühle von Hass, Wut und Fremdenfeindlichkeit schüren. Diskutiert werden künstlerische Interventionen im Digitalen, insbesondere fotografische Strategien und damit verbundene politische und soziale Praxen der digitalen Gesellschaft. In diesem Plenum stellen UBERMORGEN ihr fortlaufendes Projekt „Binary Primitivism“ vor und sprechen im Anschluss mit Ana Teixeira Pinto und Daphne Dragona.

 

Binary Primitivism: Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen die Fähigkeit verloren haben, die Welt zu verstehen. Manche sagen, das sei so, weil wir alles verstehen! Um affirmativ dagegen steuern zu können, muss das 21. Jahrhundert eines des Transhumanismus, des Akzelerationismus, der Neoreaktion (NRx), der Ästhetik, der Singularität und der Psychopathologie der Psychopathie sein. Wir nennen das „Binary Primitivism“. Die signifikanten Trägernetzwerke sind welche neoreaktionärer, aus ihrem Silicon Valley-Biotop heraus handelnden PsychopathInnen (Alt-Right Nerds). Um diesen andauernden Prozess mitzugestalten, darin zu interagieren und das Imaginäre zu kolonisieren, produzieren wir (u.a. aus recycelter Fotografie) High-Tech-Heraldik und Hypno-Porn als ästhetische Signifikanten und auf Erkennungsverfahren basierende Bladeserver (Webseiten).

Biografien

Mareike Bernien arbeitet als Künstlerin und Lehrende medial zwischen performativem Film, Sound und Text. Mit einem medienarchäologischen Ansatz hinterfragen ihre Arbeiten ideologische Gewissheiten von Repräsentation, ihre materiell-technologischen Voraussetzungen und historischen Kontinuitäten. Zu ihren letzten Filmen gehören: „Tiefenschärfe“ (2017) gemeinsam mit Alex Gerbaulet, „Rainbow’s Gravity“ (2014) gemeinsam mit Kerstin Schroedinger. Sie ist Teil der Initiative „Tribunal NSU-Komplex auflösen“.

 

Paula Bulling, geboren 1986 in Berlin, ist Comiczeicherin und -autorin. Ihr Debüt „Im Land der Frühaufsteher“ erschien 2012 im Berliner avant-Verlag. Sie schreibt, zeichnet und übersetzt Comics und illustriert u.a. für das Magazin der Süddeutschen Zeitung, das Haus der Berliner Festspiele oder die Stuttgarter Oper. Ihre Kurzgeschichten erschienen u.a. in „kuš!“ (Riga), Samandal (Beirut) und „Strapazin“ (Zürich). Zuletzt veröffentlichte sie den Band „Lichtpause“ beim Kasseler Verlag Rotopol. In Kollaboration mit Anne König entstand 2017 für die Publikation „Lampedusa – Bildgeschichten am Rande Europas“ die Bildgeschichte „Wege einer Ware“. Paula Bulling lebt in Berlin.

 

Daphne Dragona ist Kuratorin und Wissenschaftlerin. Sie lebt in Berlin. Seit 2015 ist sie Teil des transmediale-Teams. Ihre Artikel wurden in verschiedenen Publikationen, Journalen, Magazinen und Ausstellungskatalogen veröffentlicht. Sie hat für unterschiedliche Institutionen gearbeitet und Ausstellungen, Konferenzen, Workshops und andere Veranstaltungen konzipiert. Aktuelle Projekte: „Tomorrows, Urban Fictions for Possible Futures” (Onassis Cultural Center, 2017), und „… An Archaeology of Silence in the Digital Age” (Aksioma, 2017). Ihren PhD hat sie an der Fakultät für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Athen erlangt.

 

Christian Gesellmann, geboren 1984 in Zwickau. Nach hartem Studium in Jena und Perugia mittelmäßigen Bachelor in Politikwissenschaft, Geschichte und Germanistik errungen. Volontariat bei der Chemnitzer Tageszeitung Freie Presse, anschließend zweieinhalb Jahre Redakteur in der hübsch sanierten Heimatstadt. Danach Umzug nach Bukarest und freie Mitarbeit für das Reporterkollektiv Casa Jurnalistului. Lebt heute wieder in Jena, weil er keinen Bock auf Berlin hat und Zwickau zu deprimierend ist. Quoten-Ossi bei Krautreporter, Barkeeper am Strand 22 und gelegentlich Billigschreibkraft für andere deutsche Elitemedien.

 

Nicolas Giraud, born in 1978, lives and works in Paris. His work takes various forms and deals with image construction and circulation. His artistic research is also conducted through parallel activities of critical writings and occasional curating. He teaches Image Theory at La Sorbonne, Paris 1, and is a professor at the École Nationale Supérieure de la Photographie in Arles. His work is represented by the Frank Dumont gallery in Los Angeles. It is present in various collections, including the FRAC Provence-Alpes-Côte d’Azur and the FRAC Champagne-Ardennes.

 

Ayşe Güleç ist Pädagogin/Kulturarbeiterin, forschende Aktivistin/aktivistische Forscherin an den Schnittstellen von Anti-Rassismus, Migration, Kunst und Kunstvermittlung. Von 2015 bis 2017 war sie Mitarbeiterin der documenta 14 als Community Liaison in der Abteilung des künstlerischen Leiters. Sie ist aktiv in der Initiative 6. April und der kollektiven Bewegung Tribunal NSU-Komplex auflösen. Von 1998 bis 2016 war sie im Kulturzentrum Schlachthof in Kassel tätig in der Entwicklung, Leitung und Durchführung von Aktivitäten und Bildungsangeboten im Bereich Migration sowie für lokale, regionale und europäische Vernetzungsarbeit. Für die documenta 12 entwickelte sie den Beirat zur Entwicklung und Verknüpfung der documenta 12 mit Einzelpersonen, Gruppen und Institutionen in Kassel und wurde in der Folge dessen Sprecherin. Sie wurde Mitglied der Maybe Education der documenta 13 und bildete eine Gruppe von KunstvermittlerInnen aus.

 

Falk Haberkorn, geboren 1974 in Berlin. Zunächst Studium der Russistik und Bohemistik an der Humboldt-Universität zu Berlin; von 1995 bis 2002 Studium der Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. 2002 Diplom und anschließendes Meisterschülerstudium bei Timm Rautert. Seither tätig als freischaffender Künstler in Leipzig. Neben zahlreichen Stipendien und Wettbewerben publiziert Haberkorn regelmäßig Künstlerbücher. Zuletzt erschien „After the Gold Rush. Journey to Eastern Germany, Fall 2004“ (Spector Books, 2018). In seiner fotografischen Arbeit reflektiert Haberkorn oft das Verhältnis von Fotografie und Geschichte, den Status des Mediums zwischen Vergangenheit und einer unendlich scheinenden Gegenwart, zwischen Spurensicherung und ambivalentem Abbild der Wirklichkeit.

 

Krisztina Hunya ist freiberufliche Kuratorin und Projektmanagerin. Sie ist Kuratorin des Symposiums des f/stop Festivals und der Ausstellung „Ilona Németh: Eastern Sugar“, Kunsthalle Bratislava, (beide 2018). Weitere kuratorische Projekte: Konzeption des Berliner Projektraums Zönotéka (2014 – 2016), Performing Relationships KV – Verein für zeitgenössische Kunst Leipzig, und ProjectZone im Rahmen der OFF Biennale Budapest (2015). Sie war Assistenzkuratorin von „Riots: Allmähliches Aufkündigen der Zukunft“ in den ifa-Galerien Berlin und Stuttgart (2018) und der Contour Biennale 8 (2017), kuratiert von Natasha Ginwala, mit der sie seit 2015 an verschiedenen Projekten zusammenarbeitet. Sie ist Projektmanagerin des Kuratorenworkshops der 10. und zuvor der 9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst.

 

Anne König lebt als Verlegerin und Autorin in Leipzig. Gemeinsam mit Markus Dreßen und Jan Wenzel hat sie 2001 den Verlag Spector Books gegründet. Sie hat die Herausgabe vieler Fototitel verlegerisch betreut, u.a. „Manitoba“ von Tobias Zielony, „Irreguläre Tage“ von Michael Schade sowie die Tagebücher von Jonas Mekas. 2016 co-kuratierte sie eine Ausstellung zur Architektur von Kindergärten am Kunsthaus Dresden und das 7. f/stop Festival für Fotografie Leipzig gemeinsam mit Jan Wenzel. Zusammen mit Armin Linke hat sie die Arbeit der Migrant Image Research Group künstlerisch geleitet. Für die Publikation „Lampedusa – Bildgeschichten am Rande Europas (Lampedusa – Image Stories from the Edge of Europe)“ entstand mit Paula Bulling die Bildgeschichte „Wege einer Ware (A Commodity on the Move)“, die zur Biennale für aktuelle Fotografie 2017 in Mannheim  gezeigt wurde. Gemeinsam mit Jan Wenzel kuratiert sie das 8. Festival für Fotografie f/stop Leipzig 2018.

 

Susanne Kriemann ist Künstlerin und Professorin an der Universität Karlsruhe für Kunst und Design. Sie untersucht die Fotografie als Sozialgeschichte und archivarische Praxis. Dafür entwickelte sie ein analoges „Aufnahmesystem“ für von Menschen verursachte, andauernde geologische Prozesse. Fotografie wird dabei zum dokumentarischen Seismographen und medienarchäologischen Tool, das sozioökonomische Realitäten abzubilden vermag.

 

Eva Pluhařová-Grigienė ist Kunst- und Bildhistorikerin. Bis März 2018 arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Kunstgeschichte Osteuropas der Humboldt-Universität zu Berlin. Derzeit lehrt sie am Historischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. 2017 erschien im Böhlau Verlag ihre Monografie „Die Migration der Bilder. Das Memelgebiet in fotografisch illustrierten Büchern (1889 – 1991)“, in der sie der Frage nachgeht, wie mithilfe von Fotografien kollektive Erinnerungen geformt und wie Ideologien und Emotionen – Gefühle von Verlust und Sehnsucht nach Heimat – über Generationen in Bildern vermittelt wurden. Sie ist Mitglied des Netzwerks Photographic Histories in Central and Eastern Europe.

 

Elske Rosenfeld, geboren 1974 in Halle/Saale, forscht als Künstlerin und Autorin zum Verhältnis von Körper und Sprache in revolutionären Ereignissen, zur Geschichte von 1989/90 und Formen der Dissidenz. Ihre Arbeiten waren international u.a. im Gorki Herbstsalon (2017), im mumok kino, Wien (2016), steirischer herbst, Graz (2015), Devi Art Foundation, Delhi (2013), Former West, Utrecht (2010) zu sehen. 2018 leitet sie gemeinsam mit Suza Husse/District Berlin das Projekt „Künstlerische Forschung im Archiv der DDR-Opposition”. Sie bloggt auf www.dissidencies.net. Bei f/stop Satelliten zeigt sie im KV im Rahmen von „Unterbrechungen. Skripte, Proben, Gesten” eine neue Arbeit aus dem Komplex „A Vocabulary of Revolutionary Gestures”.

 

Andreas Rost, geboren 1966 in Weimar, ist ein international bekannter deutscher Fotograf und Kurator. Seine fotografische Arbeit changiert zwischen Dokument und Kunst. Von 1988 bis 1993 studierte er Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, seinen Abschluss dort machte er bei Evelyn Richter und Arno Fischer. 1991 war er Assistent bei Thomas Höpker (Magnum). Seit 1994 ist er freier Fotograf und Kurator, seit 2006 Repräsentant für Fotografie des ifa / Instituts für Auslandsbeziehungen. Er war Mitglied der Bürgerbewegung Neues Forum und Teilnehmer am Runden Tisch. Er lebt und arbeitet in Berlin.

 

Josa Mania Schlegel, Jahrgang 1991, ist Absolvent der Deutschen Journalistenschule und lebt und arbeitet in Leipzig. Er ist Autor des täglichen Email-Newsletters „Abendpost Sachsen“ beim leserfinanzierten Online-Magazin „Krautreporter“. Aktuell baut er, gemeinsam mit Christian Gesellmann, eine Korrespondenz für Sachsen auf. Warum? Weil er findet, dass ostdeutsche Themen zu wenig Beachtung in gesamtdeutschen Debatten bekommen. Daran will er etwas ändern. Wo und wie kann man Josa treffen? Wahrscheinlich, indem man ein paar Mal die Kolonnadenstraße auf und ab geht. Oder auf Twitter, unter @JosaMania.

 

Bertrand Stofleth, born in 1978, lives and works in Lyon. His works explore modes of occupying territory, along with uses and representations of landscapes. The photographic observations he has carried out in the Monts d’Ardèche (2005 – 12, exhibited at the Rencontres d’Arles in 2012), Hérault Valley (2010 – 15) and also in the Verdon (2018) regional nature reserve, examine territorial transformations over time. Since 2011, he has been doing the same type of work in urban settings, as part of artistic residences in several cities. He is currently working on the project “Aeropolis” about the relationship between airports and their connections to the cities. His work is present in various collections, including the FNAC and the FRAC Provence-Alpes-Côte d’Azur. Furthermore, he is a photographer at the Lyon Opéra house since 2005, teaches in schools and academies documentary practice and photography with the large format camera.

 

Ana Teixeira Pinto lebt als Autorin und Kulturtheoretikerin in Berlin. Ihre Texte sind in Zeitschriften und Publikationen wie e-flux, art-agenda, Mousse, frieze d/e, Domus, Inaesthetics, Manifesta und Texte zur Kunst erschienen. Sie ist Herausgeberin des Bandes The Reluctant Narrator (2014) und hat zuletzt einen Beitrag in Alleys of Your Mind: Augmented Intelligence and Its Traumas (hrsg. v. Matteo Pasquinelli, 2015) veröffentlicht.

 

UBERMORGEN.com: lizvlx (AT, 1973) und Hans Bernhard (CH/USA, 1971) sind zeitgenössische Künstler und net.art-Pioniere. Code und Sprache konvertieren sie beharrlich in Konzept und Ästhetik. CNN beschreibt sie als „querdenkende österreichische Geschäftsleute“ und die New York Times fand das Projekt „Google Will Eat Itself“ einfach brillant. Sie besitzen über 75 Domains (Webseiten). Ihre Haupteinflüsse sind Rammstein, Samantha Fox und XXXTentacion, Olanzapine, LSD, Kentucky Fried Chicken’s Coconut Shrimps Deluxe und Wiener Aktionismus. http://ubermorgen.com

 

Sabine Weier ist Autorin, Lektorin und Übersetzerin. Sie schreibt über zeitgenössische Kunst und entwickelt Projekte mit den Schwerpunkten Critical Visual History und feministische Kunst. Von 2016 bis 2018 war sie Redakteurin von Camera Austria International. 2018 co-konzipiert sie mit Krisztina Hunya das Symposium des 8. Festival für Fotografie f/stop Leipzig.

 

Eyal Weizman ist Architekt und Direktor des Center for Research Architecture am Goldsmiths College der Universität London. Er ist Mitbegründer der unabhängigen, ebenfalls am Goldsmiths angesiedelten Forschungsgruppe Forensic Architecture. In der Hauptausstellung präsentieren Forensic Architecture die vom Tribunal NSU-Komplex auflösen, dem Haus Der Kulturen Der Welt (HKW) und der documenta14 beauftragte Arbeit „77sqm_9:26min“ zur Ermordung von Halit Yozgat durch den rechtsextremen NSU in Kassel im Jahr 2006 und zur Falschaussage des dabei anwesenden Andreas Temme.

 

Jan Wenzel lebt als Verleger, Autor und Künstler in Leipzig. Zusammen mit Markus Dreßen und Anne König hat er 2001 den Verlag Spector Books gegründet. Als Autor und Herausgeber hat er an einer Vielzahl von Buchprojekten mitgearbeitet. In der Zeitschrift Camera Austria International veröffentlicht er seit 2013 regelmäßig seine Rubrik „The Revolving Bookshelf“, die sich mit der Form des Fotobuches auseinandersetzt. Seine fotografischen Arbeiten mit Passbildautomaten, die seit Anfang der 1990er Jahre entstanden sind, wurden u.a. im Museum Ludwig Köln, im Musée de l’Elysée Lausanne, im Victoria and Albert Museum London und im Museum Folkwang Essen gezeigt. Gemeinsam mit Anne König kuratiert er 2018 (wie bereits 2016) das Festival für Fotografie f/stop in Leipzig.

 

Zenker (DDR/DE, 1988) lebt und arbeitet in Leipzig und Köln. Sein Interesse speist sind aus psychologisch-regulierenden Systemen sowie Identität und Kontrolle in Game- und Werbeumgebungen. Seine bekannteste Installation „Schaltkreis – Alle unter einem Ton“ (2017) ist ein immersiver, interaktiver kybernetischer Organismus. Zenker organisiert Game-Ausstellungen und Keta-Pop-Partys in Leipzig. Er ist Teil des „keine fische aber grethen-Kollektivs“. Er hat Visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule Kassel studiert und hält regelmäßig Vorträge und Workshops in Europa und Afrika. Seit 2015 assistiert er UBERMORGEN bei ihren globalen Unternehmungen im Bereich der Psychpathologie (no-limit.org, 2015) und zur Alt-Right (Binary Primitivism, seit 2016). https://allzenks.wordpress.com/

Sa, 23. 6. 2018

14:00 –
16:15
f/stop Symposium: Strategien fotografischen Handelns nach 1989. Mit Falk Haberkorn, Eva Pluhařová-Grigienė (Moderation), Elske Rosenfeld, Andreas Rost    

Plenum in deutscher Sprache. Die gesellschaftspolitischen Spannungen in Deutschland und anderen Ländern Mittel- und Osteuropas werfen Fragen nach der Rolle der Fotografie als Medium der öffentlichen Vermittlung auf. Das erste Plenum setzt sich ausgehend vom Themenschwerpunkt „1990 freilegen“ mit fotografischer Praxis als gesellschaftlich wirksames Handeln seit der Wende auseinander. Die unterschiedlichen Herangehensweisen von Falk Haberkorn, Elske Rosenfeld und Andreas Rost zeigen verschiedene Methoden auf, Zeitgeschehen öffentlich zu reflektieren und neu zu erzählen.

16:45 –
17:45
f/stop Symposium, Künstlergespräch in deutscher Sprache mit Susanne Kriemann und Jan Wenzel    

Wie können scheinbar unsichtbare, langwierige Prozesse, geologische Veränderungen sowie der allmähliche Wandel einer Region sichtbar gemacht werden? Seit mehreren Jahren erforscht, dokumentiert und befragt die Künstlerin Susanne Kriemann das Gebiet der ehemaligen Wismuth AG, dem von 1945 bis 1990 weltweit viertgrößten Produzenten von Uran in Sachsen und Thüringen. Während ihrer Feldforschung trifft sie nicht nur auf ehemalige MinenarbeiterInnen, sondern auch auf GeologInnen und BiologInnen der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, die eine mögliche Re-Naturalisierung des Areals untersuchen. Dabei entwickelt sie experimentelle Aufnahmestrategien, wie Heliogravüren mit Pigmenten aus umweltschädlichen Pflanzen, und sucht die radioaktive Strahlung von Objekten, Pflanzen, die umweltschädliche Stoffe konserviert haben, und Lebewesen sichtbar zu machen.

18:00 –
19:00
f/stop Symposium, Künstlergespräch in englischer Sprache mit Nicolas Giraud & Bertrand Stofleth / Krisztina Hunya & Sabine Weier    

Wie erfasst die Fotografie gesellschaftliche Entwicklungen in ihrer Alltäglichkeit und langen Dauer? Für ihr Langzeitprojekt „La Vallée“ (2013 – 2016) haben Nicolas Giraud und Bertrand Stofleth den Zerfall der ältesten Industrieregion Frankreichs, dem Gebiet zwischen Lyon und Saint-Étienne, dokumentiert.

So, 24. 6. 2018

11:30 –
12:30
f/stop Symposium, Lecture mit Eyal Weizman in englischer Sprache    

Eyal Weizman ist Architekt und Direktor des Center for Research Architecture am Goldsmiths College der Universität London. Er ist Mitbegründer der unabhängigen, ebenfalls am Goldsmiths angesiedelten Forschungsgruppe Forensic Architecture. In der Hauptausstellung präsentieren Forensic Architecture die vom Tribunal NSU-Komplex auflösen, dem Haus Der Kulturen Der Welt (HKW) und der documenta14 beauftragte Arbeit „77sqm_9:26min“ zur Ermordung von Halit Yozgat durch den rechtsextremen NSU in Kassel im Jahr 2006 und zur Falschaussage des dabei anwesenden Andreas Temme.

13:30 –
15:30
f/stop Symposium: Wissen produzieren. Über Partizipation, Empathie und Ignoranz. Plenum in deutscher Sprache mit Mareike Bernien, Paula Bulling, Christian Gesellmann, Ayşe Güleç, Anne König (Moderation), Josa Mania Schlegel    

Über zehn Jahre lang blieben die Beweggründe hinter den rassistisch motivierten Morden des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) verborgen. Die TeilnehmerInnen des zweiten Plenums stellen Formen der Wissensproduktion gegen das Versagen von Behörden vor und diskutieren über kollektiven Zusammenhalt. Ayşe Güleç und Mareike Bernien präsentieren eine feministische und migrantisch situierte Perspektive auf die NSU-Morde. Sie untersuchen die komplexen Kontexte normativer Wissensproduktion und Repräsentation und suchen nach Strategien, ignorierte Positionen sichtbar zu machen. Daran knüpft die Neuproduktion von Paula Bulling und Anne König an: drei grafische Kurzgeschichten, die sich mit drei Akteurinnen beschäftigt, die direkt oder indirekt mit dem NSU zu tun hatten – als aktive Unterstützerin des NSU, als scheinbar blasse Verwaltungsbeamte und als Angehörige eines der Mordopfer. Christian Gesellmann und Josa Mania Schlegel blicken aus journalistischer Perspektive auf den Rechtsruck in der Gesellschaft, insbesondere in Sachsen.

16:00 –
18:00
f/stop Symposium: Künstlerische Interventionen im Digitalen. Plenum in deutscher und englischer Sprache mit Daphne Dragona, lizvlx/UBERMORGEN.com, Ana Teixeira Pinto, Zenker    

Die Gräben der „Zerrissenen Gesellschaft“ ziehen sich auch durchs Digitale und wirken von dort aus zurück auf das politische Geschehen. Ein Beispiel dafür ist die Rolle von Meme-Kampagnen in sozialen Netzwerken bei Wahlen. Politische Debatten und Meinungsbeeinflussung finden heute verstärkt im digitalen Raum statt, wo Troll-Truppen eskalierende Gefühle von Hass, Wut und Fremdenfeindlichkeit schüren. Diskutiert werden künstlerische Interventionen im Digitalen, insbesondere fotografische Strategien und damit verbundene politische und soziale Praxen der digitalen Gesellschaft. In diesem Plenum stellen UBERMORGEN.com ihr fortlaufendes Projekt „Binary Primitivism“ vor und sprechen im Anschluss mit Ana Teixeira Pinto und Daphne Dragona.

 

Binary Primitivism: Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen die Fähigkeit verloren haben, die Welt zu verstehen. Manche sagen, das sei so, weil wir alles verstehen! Um affirmativ dagegen steuern zu können, muss das 21. Jahrhundert eines des Transhumanismus, des Akzelerationismus, der Neoreaktion (NRx), der Ästhetik, der Singularität und der Psychopathologie der Psychopathie sein. Wir nennen das „Binary Primitivism“. Die signifikanten Trägernetzwerke sind welche neoreaktionärer, aus ihrem Silicon Valley-Biotop heraus handelnden PsychopathInnen (Alt-Right Nerds). Um diesen andauernden Prozess mitzugestalten, darin zu interagieren und das Imaginäre zu kolonisieren, produzieren wir (u.a. aus recycelter Fotografie) High-Tech-Heraldik und Hypno-Porn als ästhetische Signifikanten und auf Erkennungsverfahren basierende Bladeserver (Webseiten).