f/stop Print

Im Krankenhaus

Ludwig Kuffer, Andreas Langfeld, Elisabeth Neudörfl, Timm Rautert

Im Mittelpunkt von f/stop Print steht der 2018 bei Spector Books erschienene Band „Im Krankenhaus“ mit Fotografien von Ludwig Kuffer, Andreas Langfeld und Elisabeth Neudörfl, in dem sich nachvollziehen lässt, wie eine Institution im wahrsten Sinne „erarbeitet“ wird – das Neben- und Miteinander einer Vielzahl von Menschen, ihr gemeinsamer Alltag, ihre unterschiedlichen Positionen und Rollen, ihre Konflikte und Kompromisse. Die Publikation nimmt Bezug auf den ebenfalls ausgestellten, 1993 erschienenen gleichnamigen Band mit Fotografien von Timm Rautert.

 

Dass eine Fotografie die komplexe Realität sozialer Institutionen angemessen zeigen könne, daran hegte Bertolt Brecht Zweifel. Vielfach zitiert sind jene Sätze, die er 1931 schrieb: „Die Lage wird dadurch so kompliziert, dass weniger denn je eine einfache Wiedergabe der Realität etwas über die Realität aussagt. Eine Photographie der Krupp-Werke oder der AEG ergibt beinahe nichts über diese Institute. Die eigentliche Realität ist in die Funktionale gerutscht. Die Verdinglichung der menschlichen Beziehungen, also etwa die Fabrik, gibt die letzteren nicht mehr heraus. Es ist also tatsächlich etwas aufzubauen, ‚etwas Künstliches‘, ‚etwas Gestelltes‘.“

 

Aber lässt sich das alles wirklich nur als Beleg für Brechts grundsätzliches Misstrauen gegenüber jener „einfachen Wiedergabe der Realität“ durch die Fotografie lesen? Könnte man seine Sätze nicht ebenso als ein Credo für das Fotobuch deuten? Nicht die einzelne Fotografie, wohl aber eine Abfolge von Bildern, das Denken in Serien, die mediale Montage von unterschiedlichen Wirklichkeitsausschnitten– „etwas Künstliches, etwas Gestelltes“ also – kann uns jene komplexen sozialen Zusammenhänge näher- bringen, die den gesellschaftlichen Institutionen zu Grunde liegen.

 

Wie porträtiert man eine Institution wie das Kranken- haus? Wie fügt man die unterschiedlichen Perspektiven zu einem Ganzen zusammen?–Ende der 1980er-Jahre begannen der Gestalter Otl Aicher, der Fotograf Timm Rautert und die Autorin Regina Hauch die Arbeit an dem Band „Im Krankenhaus. Der Patient zwischen Technik und Zuwendung“.

 

Dieses Buch als Fotobuch zu bezeichnen, greift zu kurz, denn es verbindet auf jeder Doppelseite Bild und Text zu einer lebendigen, visuellen Konstellation. Zu einer Buchform, die durch ihre Offenheit und Wandelbarkeit und durch die Art, wie alle Elemente in ihr gleichrangig zusammentreffen, als eine demokratische Buchform bezeichnet werden kann. „Im Krankenhaus“ war das letzte Buchprojekt, an dem Otl Aicher arbeitete. Das erste Kapitel war fertig gelayoutet, als er 1991 tödlich verunglückte.

 

Der Gestalter Otl Aicher war für das Selbstverständnis der alten Bundesrepublik ähnlich prägend wie der Architekt Frei Otto, dessen grazile und schein- bar über dem Boden schwebende Zeltstrukturen einen Bruch mit dem Ideal von Monumentalität und Repräsentation markierten. Frei Otto und Otl Aicher verbindet eine Suche nach konstruktiver Vollkommenheit im Minimalen.

 

Gegenüber den wechselnden Textsorten behaupten Timm Rauterts Fotografien im Seitenlauf ein hohes Maß an Kontinuität: Die schwarz-weiß Bilder sind meist aus der Halbtotalen oder nahen Distanz fotografiert, die Kamera richtet sich gleichermaßen auf die Menschen, die Situationen, die medizinischen Hand- griffe und die Instrumente. Gelegentlich wird auch die eigene Bildproduktion der Klinik vorgeführt, jene Bilder, die der Kernspintomograph oder der Ultraschall produzieren und die für die Ärzte wichtige Informationen beinhalten. Aber diese parallele Bildproduktion ist nur einer unter vielen Aspekten des Klinikalltags, den Timm Rautert in seinen Bildern festhält.

 

Charakteristisch für die Form des Buches ist, dass vor allem die unterschiedlichen Textsorten eine oszillierende Bewegung – einen permanenten Wechsel der Perspektive – erzeugen: Auf eine biografische Skizze folgt ein Kurzessay zu einem einzelnen medizinischen Instrument, die situativen Schilderungen einer Reportage wechseln ab mit theoretischen Reflexionen. Eine Er- zählung aus der Perspektive eines Patienten tritt so neben einen Text, der das Krankenhaus als Dienstleistungsunternehmen beschreibt, in dem ökonomische Erfordernisse nicht gegen medizinische und menschliche ausgespielt werden dürfen. Diese unterschiedlichen Sprechweisen über ein und dieselbe Institution schaffen einen dichten Echoraum für die Bilder von Timm Rautert.

 

25 Jahre nach dem Buch mit Fotografien von Timm Rautert erschien in diesem Jahr ein zweites Buch zum Essener Alfried Krupp Krankenhaus. Drei FotografInnen und drei AutorInnen zeigen und beschreiben aus unterschiedlichen Perspektiven die Gegen- wart der Institution Krankenhaus.

 

Die Fotografien von Elisabeth Neudörfl, Ludwig Kuffer und Andreas Langfeld hat die Gestalterin Nicola Reiter in der von ihr konzipierten Bildfolge mit- einander verwoben: Situationen aus dem Klinikalltag wechseln mit Aufnahmen von technischen Apparaturen und Raumansichten. Auf den Doppelseiten des Buches treffen die verschiedenen Aspekte direkt aufeinander: sich kontrastierend, sich ergänzend, sich steigernd.

 

Anders als in dem Buch aus den frühen 1990er- Jahren gibt es hier keine zusammenhängenden Erzählungen, sondern nur noch unterschiedliche Blickwinkel, die die Betrachter zu einem Bild des Krankenhauses zusammensetzen müssen. Was auf diese Weise sichtbar wird, sind die Spannungen, die das Krankenhaus als Institution fortwährend ausbalanciert: medizinische, ethische, technologische und ökonomische Fragen überschneiden sich hier und müssen fortwährend in ein Verhältnis zueinander gebracht werden. Dieses hochkomplexe Wechsel- spiel, dass das Krankenhaus geradezu zu einer Parabel auf die moderne Gesellschaft macht, vermittelt sich eindrücklich in der Bildfolge des Buches.

 

In beiden Ausgaben von „Im Krankenhaus“ vollzieht man beim Blättern zwischen den Bildern und beim Lesen der Texte nach, wie sich jemand eine Institution im wahrsten Sinne „erarbeitet“ – das Neben- und Miteinander einer Vielzahl von Menschen, ihr gemeinsamer Alltag, ihre unterschiedlichen Positionen und Rollen, ihre Konflikte und Kompromisse. Zugleich aber führt jede Lektüre dieser beiden Bücher auch zu einem Punkt der Selbstbeobachtung: Man fragt sich als Betrachter, welche eigenen Erfahrungen man mit dieser Institution verbindet; denn man erfasst bei der Lektüre die Eigenlogik in den Raumordnungen, in den Abläufen, im Aufeinandertreffen der einzelnen Akteure.

 

Eine Institution zu porträtieren hat in diesem Sinne immer auch einen emanzipativen Aspekt, da man als BetrachterIn verschiedene Innenansichten einer Institution vermittelt bekommt; Ausschnitte, die in der Realität der Institution verschiedenen Akteuren zugeordnet sind; nicht allein den engen Realitätsausschnitt, den die Patienten kennenlernen, sondern parallel die Perspektive der Ärzte und Schwestern, den Blick der Verwaltung, die Sicht des technischen Personals.