HALLE 14 Zentrum für zeitgenössische Kunst – f/stop Komplize

Requiem for a Failed State

Nadja Buttendorf & Anne Baumann, Ariamna Contino & Alex Hernández, Susan Donath, Darsha Hewitt in Zusammenarbeit mit Sophia Gräfe, Tamami Iinuma, Sven Johne, KLOZIN (Wilhelm Klotzek & David Polzin), Henrike Naumann, Carsten Saeger, Malte Wandel, Katrin Winkler

 

Artist in Residence: Henry Bradley

 

Studierende des Seminars „Unter dem Eis“ von Anna Voswinckel und Carsten Möller der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig: Jane Beran, Katrin Esser, Eric Meier, Stefania T. Smolkina, Sarah Veith, Brenda M. Wald

 

HALLE 14

Spinnereistraße 7, 04179 Leipzig

 

14. April – 5. August 2018

Di – So, 11:00 – 18:00 Uhr

Mittwochs freier Eintritt

 

BesucherInnen mit f/stop-Ticket erhalten 50% Ermäßigung (2 € statt 4 €)

 

27. Juni 2018, 19:00 Uhr

HENRY BRADLEY- RHYTHMING (A)

Fertigstellung der Installation und Künstlergespräch

1989/90 implodierte die Deutsche Demokratische Republik. Die reformunfähige „Diktatur der Arbeiterklasse“ hatte abgewirtschaftet. Die Menschen reklamierten die Macht des Volkes für sich. Der Staatsapparat wurde abgewickelt, die beiden deutschen Staaten vereinigt und die überkommenen, „volkseigenen Betriebe“ als Konkursmasse vor allem an westdeutsche Investoren veräußert. Langersehnte Freiheiten und die Hoffnungen auf Wohlstand und auf eine blockfreie, friedliche Welt wurden greifbar – und für viele Realität. Aber es folgte auch eine Deindustrialisierung in einem bis dato unbekannten Tempo und damit eine kapitale Wirtschaftskrise. Die Folgen waren Massenarbeitslosigkeit, Migration, Leerstand und Verwahrlosung. Rückblickend erscheinen die 1990er Jahre heute als anarchistischer „wilder Osten“ geprägt von kulturellen Eskapismus, wirtschaftlichen Abenteuern und eskalierender Fremdenfeindlichkeit. Die neue Freiheit zwang zumindest jede und jeden Ostdeutschen zur Neuorientierung, bedeutete Risiko und verursachte persönliche, biografische und psychologische Krisen. „Metaphysisch obdachlos“ geworden, sehnten sich nicht wenige nach erlösenden Selbst- und Weltbildern.

 

Mit den Jubiläen vervielfachte sich die Anzahl der Fach- und Erinnerungsbücher, populärwissenschaftlichen Darstellungen, Spielfilme, Romane und TV-Dokumentationen. Über das begrenzte Material historischer Aufnahmen legt sich durch unterschiedliche Kontextualisierungen, Wiederholungen und Reinszenierungen eine mediale Patina, die mitunter den Blick auf Lücken und Brüche verschleiert. Zwischen der Betrachtung der DDR als Unrechtsstaat und kitschiger Ostalgie fehlen im populären Diskurs nicht selten die Nuancen. Hier bleibt eine Kluft in der Rezeption und Bewältigung.

 

Gleichermaßen herrscht zwischen der Generation, die sich in der DDR eingerichtet hatte, und ihren Kindern – mit Bezug auf Hermann Lübbe polemisch gesprochen – ein auffälliges „kommunikatives Beschweigen“. Mit den westdeutschen 1968ern vergleichbar laute Auseinandersetzungen zwischen diesen Generationen um die individuellen, schuldhaften Verstrickungen ins System und ihre Nachwirkungen ins heute sind – bisher – ausgeblieben. Dabei geben allein der Weg der Wendekinder, Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, in den sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrund“ und die hässliche Nichte der Montagsdemonstrationen, die Abendspaziergänge von Pegida, genügend Anlässe, nach der Gegenwart und den Folgen deutscher Diktaturerfahrungen, der permanenten Bevormundung, geschlossener Weltbilder, Militarismus und starren Identitäten zu fragen.

 

Das Ausstellungsprojekt „Requiem For A Failed State“ stellt die Perspektive einer jungen Generation von Künstlerinnen und Künstlern in den Mittelpunkt. Wie schauen die ab 1980 Geborenen auf das Ende der DDR, die Wendeereignisse und die Dekade der Orientierungslosigkeit der 1990er zurück, an die sie keine oder nur wenig individuelle Erinnerungen haben? Wie lange wirkt ein verschwundener Staat nach? Wer erzählt was von der Vergangenheit, wer nicht? Welche Facetten interessieren diese Generation und welche Entdeckungen machen sie dabei?

 

Die Ausstellung findet in Kooperation mit dem Seminar „Unter dem Eis“ von Anna Voswinckel und Carsten Möller an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig statt.

 

HENRY BRADLEY – RHYTHMING (A)

Fertigstellung der Installation und Künstlergespräch

Mittwoch, 27. Juni 2018, 19 Uhr

 

Der britische Künstler Henry Bradley war im Rahmen der Ausstellung »Requiem for a Failed State« Stipendiat der HALLE 14. Von Februar bis April arbeitete er in Leipzig an einem neuen Werk zum Thema der Schau. Er recherchierte hier intensiv zur Rolle der Pädagogik in der DDR bei der Schaffung von sozialistischen Persönlichkeiten. Besonders konzentriert hat er sich dabei auf den Komponisten Kurt Schwaen (1909-2007), der in der DDR zahlreiche Film-, Vokal- und Kammermusikstücke für Kinder schrieb und mit seiner Frau Ina Inske gemeinsam eine Kinderopernwerkstatt in Leipzig leitete. In der Ausstellung präsentiert Bradley Recherchematerial in seiner Installation »Rhythming« und während des Eröffnungswochenendes lud er gemeinsam mit der Berliner Schauspielerin Juliane Elting in einer Performance zum öffentlichen Nachdenken über diese Recherche ein. Dabei zieht er auch immer wieder Vergleiche zur Rolle von Pädagogik im heutigen Neoliberalismus. Mit der Kamera beobachtet er moderne Formen wie Selbstoptimierungstrainings und Kriseninterventionsmanagement.

 

Am 27. Juni 2018 wird die Installation durch ein neues Video von Henry Bradley ergänzt und vervollständigt. Wir laden sie zur Premiere des Videos ein, das Bradley im Studio der HALLE 14 drehte, und zum Gespräch zur Installation und Ihren Fragestellungen.