Journal vom 22.6.2018

Das Schweigen ist ein Problem – nicht nur in Zwickau

Anne König und Paula Bulling über ihre Arbeit „Bruchlinien. Drei Episoden zum NSU“, 2018.

 

Anne König: Ich habe ein Archiv mit Zeitungsausschnitten, die den NSU-Prozess begleiten. Meine Eltern legen seit einigen Jahren eine Art Pressespiegel für mich an. Die Artikel stammen aus der lokalen Zeitung, der Thüringer Allgemeinen in Erfurt. Regelmäßig berichten Reporter darin über den NSU-Prozess. Das fand ich bemerkenswert, denn ich beobachte insgesamt, dass es im Osten Deutschlands zu wenig Aufmerksamkeit dafür gibt. Der Prozess in München ist einfach sehr weit weg von den Orten des Geschehens. Und da ist so eine Abwehr-haltung, die Leute wollen sich nicht damit beschäftigen. Es gibt auch schon recht viele Arbeiten mit Fokus auf das NSU-Trio und Beate Zschäpe. Der Strafprozess in München ist sehr männlich.  Aber es muss doch auch viele Frauen in deren Umkreis gegeben haben. Warum tauchen die nicht auf? Warum sitzen da nur vier Männer, und eben diese Hauptangeklagte auf der Anklagebank? Paula und ich haben uns dann darauf verständigt, erst einmal nur weibliche Perspektiven zu wählen, aus verschiedenen Milieus. Das eine ist die Täterperspektive, die zweite Geschichte nimmt die Perspektive einer Verwaltungsbeamten im Bundesamt für Verfassungsschutz ein und die dritte ist die der Tochter eines der Mordopfer.

 

Für die erste Geschichte hat mir der Leipziger Autor Christian Fuchs geholfen, die richtige Person zu finden. Er hat sein Archiv geöffnet und mir einige Hintergrundinformationen gegeben. Die zweite Geschichte von der Verwaltungsbeamtin habe ich mit der Unterstützung von Toralf Staud geschrieben, den ich immer wieder befragten musste, weil das einfach ein Wahnsinn an Akten und Dokumenten ist. Die dritte Geschichte ist noch im Entstehen. Barbara John, die Ombudsfrau für die Opferfamilien des NSU, hat da vermittelt. In allen drei Geschichten bewegen wir uns im Faktischen und im Fiktiven zugleich. Es gibt Bilder, die existieren eben nicht als Fotografien, und die Zeichnung ist in der Lage, das darzustellen. Anhand der Dokumente, die durch die verschiedenen Untersuchungsausschüsse existieren, und aus anderen Zeugnissen können wir etwas generieren, was keine Fotografie bislang festhalten konnte und was im Prozess fehlt.

 

Paula Bulling: Die Zeichnung kann verschiedene Ebenen, Dokumentarisches und Fiktives, amalgamieren. Dieses Bild zum Beispiel. Der obere Teil basiert auf einem Foto. Man erkennt: Das ist das Bundesamt für Verfassungsschutz. Aber die grafische Sprache kontrastiert mit diesem in der Realität verorteten Bild. Ich glaube, die eigentliche Stärke von Zeichnungen liegt in diesem Fall genau in dieser Synthese. Meine Arbeit als Zeichnerin ist es, Vorstellungen zu konkretisieren. Man fragt sich: Wovon spricht man da eigentlich visuell? Wie schaut so etwas aus? Wie sehen diese Büros im Verfassungsschutz aus? Natürlich gibt es davon keine Bilder, und man könnte es auf sehr verschiedene Weisen zeichnen. Man könnte es total alltäglich zeichnen, ganz realistisch, so dass es ganz greifbar wäre. Oder man greift das Spekulative auf, das Unheimliche, das in den Vorstellungen von diesem Ort mitschwingt, so wie ich das gemacht habe. Natürlich schließen sich hinterher Fragen an: War die Entscheidung, dieses leicht surreale Moment einzuführen, eigentlich politisch richtig? Das erste Kapitel über die NSU-Unterstützerin Susann Eminger erzählen wir  aus der Perspektive einer ihrer Arbeitgeberinnen, die blind ist. Die ausschlaggebende visuelle Entscheidung war, in einem Teil dieses Kapitels ohne Bilder auszukommen und sich auf die Geräusche und die Sprache zu beschränken. Als im Auto Rechtsrock aus dem Radio dröhnt, visualisieren wir den Liedtext mit einer Fraktur-Schrift.

Die Leute mussten immer ihre Schuhe vor der Tür ausziehen

Anne König: Wir waren auch in Zwickau, sind die Frühlingsstraße entlanggelaufen. Wir brauchten diesen räumlichen Eindruck. Das Haus, in dem das Trio über viele Jahre wohnte, wurde abgerissen. Dort ist heute eine Grünfläche, auf der drei große Koniferen wachsen. Die Bäume sind unschuldig, aber warum müssen es gerade drei sein? Wer hat diese Bäume da hingepflanzt? Die Stadt Zwickau hadert bis heute mit dieser Fläche und auch mit ihrer Verantwortung. Damit das Image der Stadt nicht beschmutzt wird, schweigt man lieber über den NSU. Das Schweigen ist ein Problem – nicht nur in Zwickau. In dem ganzen NSU-Prozess wird zu viel geschwiegen. Für unsere Geschichte brauchten wir eine Darstellungsform für dieses Schweigen. Ich hatte als junge Autorin mal ein Stück über einen blinden Mann fürs Radio gemacht. Ich bin mit ihm durch die Stadt gelaufen und er hat mir erzählt, was er hört, wie seine Wahrnehmung funktioniert. Mit diesem Wissen habe ich dann auch diese Geschichte geschrieben. Und Paula hat sich für die wunderbaren Visualisierungen viel mit Onomatopoesie im Comic beschäftigt. Es wird niemals gesagt, dass diese Frau blind ist. Das ist ein Moment der Irritation und der steht auch für diese ganze unaufgearbeitete Situation.

 

Paula Bulling: Diese Geschichte ist sehr akribisch recherchiert. Wir haben alles Mögliche gelesen und angeschaut, Videos, Fotografien, usw. Das hier ist das Haus in der Frühlingsstraße. Das sind die Perspektiven aus den Überwachungskameras: Das NSU-Trio hatte tatsächlich vier selbstinstallierte Überwachungskameras in dieser Wohnung. Die Aufnahmen wurden in den Trümmern gefunden. Deswegen können wir jetzt mit diesem Material arbeiten. Ich habe es im Internet gefunden, als ich angefangen habe, das Storyboard zu konstruieren.

 

Anne König: Die Leute mussten immer ihre Schuhe vor der Tür ausziehen.

 

Paula Bulling: Hier ist die Frühlingsstraße von oben zu sehen. Das Bild habe ich mithilfe von Google Earth konstruiert. Es gibt viel Bildmaterial auf rechten Blogs, zum Beispiel NSU-Leaks: Da findet man Sachen, wie aus dem Helikopter gemachte Aufnahmen aus der Frühlingsstraße. Man fragt sich, wo die das alles her haben. Auch einige Fotos von Susann Eminger, die ich verwendet habe, sind von dort.

 

Anne König: Von der Verwaltungsbeamten in der zweiten Geschichte, bei der es um die Vernichtung von sieben V-Mann-Akten aus Thüringen, unter anderem um die berüchtigte 7. Akte des Top-V-Manns Tarif geht, haben wir beide unabhängig voneinander in einem Zeitungsartikel gelesen. Sie hat die Aktenvernichtung zuerst verweigert und es am Ende doch gemacht. Der Prozess der Aktenvernichtung wurde dann recht umfangreich in den Protokollen des NSU-Bundestagsuntersuchungsausschusses wiedergegeben. Was wir über sie wissen, wissen wir daraus. Diese Frau hat vor dem Sonderermittler vom Bundesamt für Verfassungsschutz  Aussagen gemacht, die dokumentiert sind. Inwieweit die belastbar sind, weiß ich auch nicht. Ich kann immer nur mit dem arbeiten, was existiert. Daraus habe ich sozusagen diese Person gebaut. Es ist recht viel zitiert, ich wollte diese Sprache übernehmen. Manche Sachen wirken fiktiv, sind es aber nicht, zum Beispiel die Decknamen der sieben V-Männer, deren Akten vernichtet wurden: Tusche, Treppe, Tobago, Tonfarbe, Tacho, Tinte. Es geht in dieser Geschichte um den Vorgang des vorsätzlichen Vernichtens, um das Leugnen, um das Lügen. In einer Szene formen die Wolken den Satz „Lothar Lingen lügt“. Es ist ein Zitat aus Donald Duck, wo immer Flugzeuge mit einem Kondensstreifen in Schriftform vorbeifliegen. Lothar Lingen war der Referatsleiter in diesem Amt, der diese Aktenschredderei im November 2006 kurz nach Auffliegen des NSU-Trios veranlasst hatte. Und auch noch bis 2012 in seiner Position geblieben ist. Lothar Lingen lügt: Die Alliteration lag auf der Zunge. Alle wissen es, aber man findet es nirgendwo geschrieben.

 

Paula Bulling: Und es geht auch um den Umgang mit der Schuld, darum, was für wen relevant ist.

Der Staat kann so weiter machen, die Führungskräfte fühlen sich bestätigt

Anne König: In unserer Geschichte wird am Ende die bestraft, die in der Hierarchie ganz unten ist, also die Ausführende, die eigentlich richtig gehandelt hat bzw. richtig handeln wollte, während die Chefs sich wieder erfolgreich auf ihre alten Posten zurück geklagt haben. Die kriegen Disziplinarverfahren, aber sie werden eigentlich nicht für ihr Versagen bestraft. Die Verwaltungsspitze bleibt ungeschont. Das ist der eigentliche Skandal: Es gibt keinen Willen zur Veränderung. Der Staat kann so weiter machen, die Führungskräfte fühlen sich bestätigt.

 

Paula Bulling: Was die Geschichte auch zeigt ist, dass diese Frau null Empathie für die eigentlichen Opfer zeigt, sondern nur sich selbst als Opfer sieht. Das ist unerträglich. Man kann sich natürlich ein Stück weit damit identifizieren, dass es für sie schlimm war, ihren Job zu verlieren. Aber sie hat nichts übrig für die Menschen, die ums Leben gekommen sind und schafft es, das einfach zu relegieren, in den Bereich der Akten und des Schriftlichen. Eine wichtige Situation in der Geschichte ist für mich diese: Die Verwaltungsbeamte unterhält sich mit ihrem Kollegen darüber, was eigentlich in dieser Akte steht. Und er sagt: Möglicherweise der Beweis dafür, dass das NSU-Trio zu einem sehr frühen Zeitpunkt hätte festgenommen werden können. Aber ihr ist das egal, es geht ihr nur um den verlorenen Job

 

Anne König: Im dritten Kapitel geht es dann um die Perspektive einer Angehörigen, Gamze Kubaşık, der Tochter von Mehmet Kubaşık. Er ist das achte Mordopfer des NSU. Er wurde am 4. April 2006 erschossen. Die Geschichte basiert vor allem auf einem Text, den die Tochter selbst geschrieben hat. Er erschien in dem Buch „Unsere Wunden kann die Zeit nicht heilen. Was der NSU-Terror für die Opfer und Angehörigen bedeutet“, das Barbara John herausgegeben hat. Barbara John hat uns bei diesem dritten Kapitel  sehr unterstützt.

 

Paula Bulling: Der dritten Geschichte fühle ich mich viel näher. Ich habe mich schon die ganze Zeit darauf gefreut, das zu zeichnen, auch wenn es natürlich eine andere Schwierigkeit mit sich bringt: jemanden zu zeichnen, die das Ergebnis sehen wird, lesen wird, und deren Erfahrung man möglichst gerecht werden will, auch wenn man das vielleicht gar nicht kann.

 

Anne König: Für mich war diese dritte Geschichte schwierig. Dazu zu recherchieren, hat mich emotional sehr angegriffen. Der Prozess in München ist desillusionierend. Wir erfahren da etwas, was ein Misstrauen gegenüber dem Staat erzeugt. Es gibt einen Vertrauensverlust, der massiv ist. Man merkt an jeder Stelle, dass der Richter nicht genug Interesse hat, der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Zum Beispiel Temme, dieser ehemalige Mitarbeiter des Verfassungsschutzes, wird einfach mit seiner Lüge entlassen. Der hat den Mord von Halit Yozgat nicht gehört, nicht gesehen und nicht gerochen, obwohl er in diesem Internetcafé war. Diese offensichtliche Lüge wird einfach akzeptiert und dann die Akten für 120 Jahre weggesperrt. 120 Jahre, das ist unglaublich.

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